2026-02

„Schon in wenigen Jahren werden Fusionskraftwerke unsere Energieprobleme lösen.“

Autor: Vincent Adami

Die Bemühungen, Fusionskraftwerke als nachhaltige und saubere Energiequelle zu etablieren, sind eng mit der bereits seit 1986 gegründeten ITER-Organisation (International Thermonuclear Experimental Reactor) verknüpft. Seit 40 Jahren ist es das Ziel der ITER-Organisation, einem Zusammenschluss der größten Industrienationen, den Energiegewinn durch Kernfusion für zivile Zwecke zu nutzen.[1] Jahrzehnte später stellt sich nun die Frage: Können Fusionskraftwerke schon in wenigen Jahren einen signifikanten Beitrag unseres Energiekonsums leisten?

Zentrale Herausforderungen und aktuelle Meilensteine

In der Nutzung der Kernfusion als Energiequelle im Labormaßstab stellen sich viele Herausforderungen, darunter:[2]

  • extreme Druck-, Temperatur- und Strahlungsbelastung der Werkstoffe bzw. Bauteile
  • Verfügbarkeit von für die Kernfusion benötigten Rohstoffen (v.a. Deuterium und Tritium)
  • eine positive Gesamtenergiebilanz

Die wohl zentralste Bedingung für den Energiegewinn aus Kernfusion ist eine positive Energiebilanz. Im Jahr 2022 konnte in Experimenten der NIF (National Ignition Facility and Photon Science) die Entzündung eines Plasmas durch einen Laser und die damit einsetzende Kernfusion erreicht werden, wobei der Energiegewinn aus der Fusion größer als der Energieaufwand des Lasers war. Hierbei wichtig ist, dass die Energie des Lasers für den Start der Kernfusion zwar kleiner war als diejenige, die durch die Kernfusion freigesetzt wurde, aber der Gesamtenergieaufwand für den Betrieb des Lasers innerhalb der Forschungsanlage etwa 100-mal höher war.[3] Die Zündung stellt zwar einen wissenschaftlichen Durchbruch dar, bedeutet aber noch keinen Nettoenergiegewinn von praktischem Nutzen.

Zusätzlich behindern weiterhin die Verfügbarkeit von Bauteilen, Roh- und Werkstoffen den Übergang der Kernfusion vom Labor zu einer industriell nutzbaren Energiequelle.

Industrialisierung und Kommerzialisierung

Mit der Verbreitung der Fusionsenergie als kommerziell verfügbare Energiequelle muss neben der grundsätzlichen Frage des Energiegewinns auch die Verfügbarkeit von Bauteilen und Rohstoffen sichergestellt sein. Dazu schreibt die International Atomic Energy Agency (IAEA) in ihrem „World Outlook 2025“: „Fusion energy is entering a new phase of real-world implementation“[4, S. 4] und gibt neben gesetzlichen sowie finanziellen Faktoren auch die Absicherung der Lieferkette von Bauteilen und speziellen Materialien als kritische Faktoren für die Kommerzialisierung von Fusionsenergie an.[4, S. 38]

Eine Umfrage von 22 privaten Firmen der Kernfusionsindustrie durch die Fusion Industry Association (FIA) aus dem Jahr 2025 ergab, dass jedes Unternehmen die Verfügbarkeit mindestens eines Bauteils kurz- oder langfristig bezweifelt. Eine große Gemeinsamkeit stellt die Verfügbarkeit von Fusionsrohstoffen (insbesondere Tritium) dar. Wobei hier jedes Unternehmen derzeitig oder zukünftig eine Knappheit für eine globale Industrialisierung erkennt.[5, S. 10]

Prognosen der Verfügbarkeit der Fusionsenergie

Die Prognosen seitens der Kernfusionsindustrie, wann wettbewerbsfähige Fusionskraftwerke für die Energieversorgung zur Verfügung stehen, sind trotz der bestehenden und zukünftigen Herausforderungen optimistisch. Diesbezüglich wurden im Jahr 2024 35 Unternehmen durch die FIA befragt. Neunzehn Unternehmen glaubten, dieses Ziel bis 2035 erreichen zu können, bis 2040 sogar 27.[6, S. 12]

Die Nationale Akademie der Wissenschaften der U.S.A. beschreibt in ihrem Projektplan, die Kernfusion als Energiequelle in das U.S.-Stromnetz zu integrieren, den Bau eines Pilotfusionskraftwerks bis 2040. Zweck dieses Projekts ist es, bestehende technische Herausforderungen zu beseitigen; eine wettbewerbsfähige Stromerzeugung ist bei diesem Kraftwerk nicht vorhergesehen.[7, S. 90]

Der wissenschaftliche Dienst der Bundesregierung Deutschlands gibt 2019 zum Sachstand Kernfusionsforschung an, dass – in Bezug auf den ITER – eine kommerzielle Nutzung nicht vor 2060 zu erwarten ist.[8]

Fazit

Die Vergangenheit zeigt, dass Terminierungen oft zu optimistisch waren und den notwendigen Fortschritt in Technik und Naturwissenschaft überschätzen. Dies bestätigt auch ein Review aus dem Jahr 2022 zur Kommerzialisierung der Fusionsenergie, das darauf hindeutet, dass die in Studien angegebenen Bauzeiten für neue Kraftwerke häufig zu kurz bemessen sind.[9, S. 24]

Angesichts der bestehenden Herausforderungen sollten Prognosen mit einem längeren Zeithorizont als realistisch angesehen werden und die Fusionsenergie daher als Energiequelle der eher fernen Zukunft betrachtet werden.

Quellen:

[1] International Thermonuclear Experimental Reactor Organization (ITER-Organization): History, https://www.iter.org/about/history

Abrufdatum: 18.02.2026

[2] Wurbs, Sven et al.: Can Nuclear Fusion Contribute to a Net-Zero Energy Supply? Opportunities, Challenges and Timeframes, Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, 2024, https://www.leopoldina.org/en/publications/detailview/publication/can-nuclear-fusion-contribute-to-a-net-zero-energy-supply-opportunities-challenges-and-timeframes-2024/

Abrufdatum: 18.02.2026

[3] Abu-Shawareb, H. et al.: Achievement of Target Gain Larger than Unity in an Inertial Fusion Experiment, Phys. Rev. Lett. 132 (2024) 065102, DOI: 10.1103/PhysRevLett.132.065102

[4] International Atomic Energy Agency: World Fusion Outlook 2025, https://www.iaea.org/publications/15935/iaea-world-fusion-outlook-2025

Abrufdatum: 18.02.2026

[5] Fusion Industry Association: The Fusion Industry Supply Chain 2025, https://www.fusionindustryassociation.org/wp-content/uploads/2025/06/FIA-Supply-Chain-2025-Report.pdf

Abrufdatum: 18.02.2026

[6] Fusion Industry Association: The Global Fusion Industry 2024, https://www.fusionindustryassociation.org/wp-content/uploads/2024/07/2024-global-fusion-industry-report-FIA.pdf

Abrufdatum: 18.02.2026

[7] The National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine: Bringing Fusion to the U.S. Grid, 2021, https://nap.nationalacademies.org/read/25991/chapter/1

Abrufdatum: 18.02.2026

[8] Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages: Einzelfragen zur Kernfusionsforschung, Kosten und Programme, https://www.bundestag.de/resource/blob/710950/9e646e9903ac230c92b90192afde2646/WD-8-144-19-pdf-data.pdf

Abrufdatum: 18.02.2026

[9] Griffiths, Thomas et al.: The Commercialisation of Fusion for the Energy Market: A Review of Socio-Economic Studies, Prog. Energy 4 (2022) 042008, DOI: 10.1088/2516-1083/ac84bf