„Das Stromsystem in Europa, heute und in Zukunft (Planung EU).“
Das europäische Stromnetz heute
Das europäische Stromnetz gehört zu den größten und komplexesten der Welt. Es verbindet 266 Millionen Haushalte über ganz Europa hinweg. 36 verschiedene Länder haben sich zum Verbund europäischer Netzbetreiber ENTSO-E zusammengeschlossen. Der Stromverbrauch der EU wird den Prognosen nach weiter steigen, denn viele der Technologien, die auf fossile Energieträger verzichten, wie die E-Mobilität oder Wärmepumpen, benötigen Strom. Laut EU-Kommission könnte sich der Anteil des Stroms am Gesamtenergieverbrauch der EU von heute 23 % bis 2040 auf 50 % verdoppeln.[1, 2]
Doch das aktuelle System ist in die Jahre gekommen und ist nicht an die aktuellen Anforderungen angepasst. Das europäische Stromnetz wurde ursprünglich so konzipiert, dass große Kraftwerke Strom in das Hochspannungsnetz (Übertragungsnetz) zentral einspeisen. Der Strom fließt anschließend über regionale Verteilernetze mit niedrigerer Spannung zu den Endverbrauchern. Die Einspeisung wurde nicht durch saisonale oder meteorologische Einflüsse beeinflusst und blieb weitgehend stabil.[1]
Künftige Herausforderungen an das europäische Stromnetz
Heute und in Zukunft wird jedoch mehr und mehr Strom durch erneuerbare Energien generiert. Diese Form der Energiequelle ist häufig nicht dafür geeignet, seinen generierten Strom in das Hochspannungsnetz einzuspeisen. Stattdessen speisen sie oft in das Niederspannungs- und Mittelspannungsnetz ein und versorgen damit meist kleinere Betriebe oder Städte. Auch Privathaushalte können über eigene Photovoltaikanlagen Strom in das Verteilernetz einspeisen. Die Versorgung erfährt daher eine zunehmende Dezentralisierung.[1, 3]
Im Gegensatz zu konventionellen Methoden der Energieerzeugung unterliegt die Stromproduktion durch erneuerbare Energien Schwankungen. Wird beispielsweise kein Wind durch Windkraftanlagen erzeugt, dann muss der Strom über andere Quellen zugeführt werden. An anderen Tagen können Belastungsspitzen und Überlastung der Netze auftreten. Das bestehende Netz muss daher so ausgebaut werden, dass es auf Schwankungen im Netz flexibel reagieren kann und gleichzeitig eine stabile Versorgungssicherheit gewährleistet. Für den künftigen Stromnetzausbau hat die EU-Kommission daher 2023 einen Aktionsplan vorgelegt.[1, 3]
Der EU-Aktionsplan
Im Aktionsplan der EU werden sieben Herausforderungen für die Beschleunigung des Netzausbaus identifiziert, derer sich angenommen werden muss, um das europäische Stromnetz zukunftstauglich zu gestalten. Im Plan werden zusätzlich Maßnahmen zu jeder der Herausforderungen vorgeschlagen.[3]
- Herausforderung 1
Beschleunigung der Umsetzung laufender Vorhaben von gemeinsamem Interesse und Entwicklung neuer Vorhaben zum Netzausbau
- Eine bessere Zusammenarbeit der Kommission, der Mitgliedsstaaten und der Übertragungsnetzbetreiber bei Vorbereitung, Umsetzung und Finanzierung von Vorhaben von gemeinsamen und gegenseitigen Interessen im Strombereich.[3]
- Herausforderung 2
Verbesserung der langfristigen Netzplanung
- ENTSO-E verbessert ihre Planung, in dem der Bedarf an Windparks einkalkuliert wird und der Einsatz von Wasserstofferzeugung durch Off-Shore-Anlagen in die Planung integriert wird. Zudem sollen Entwicklungspläne der Verteilernetzbetreiber systematisch erfasst werden.[3]
- Herausforderung 3
Einführung eines unterstützenden, zukunftssicheren Rechtsrahmens
- Einführung von Leitlinien zu den Voraussetzungen, unter denen vorgezogene Investitionen in Netzvorhaben gewährt werden sollten.[3]
- Herausforderung 4
Bessere Nutzung der bestehenden Netze und deren intelligentere Gestaltung
- Erstellung einer EU-weiten Übersicht der Aufnahmekapazitäten der Netzbetreiber sowie die Einführung intelligenter Netze, Förderung einer höheren Netzeffizienz und innovativer Technologien.[3]
- Herausforderung 5
Verbesserung des Zugangs zu Finanzierungsmöglichkeiten
- Ermittlung individuell abgestimmter Finanzierungsmodelle und höhere Transparenz für Möglichkeiten privater Finanzierung und Finanzierungsprogramme für intelligente Netze und Modernisierung von Verteilernetzen.[3]
- Herausforderung 6
Sicherstellung schnellerer und strafferer Genehmigungsverfahren
- Bereitstellung von Anleitungen und technischer Unterstützung bei der Umsetzung bereits bestehender Rechtsmittel.[3]
- Herausforderung 7
Stärkung der Lieferketten
- Zusammenarbeit von ENTSO-E und der EU-VNBO mit Technologieanbietern für gemeinsame Technologiespezifikationen. Die Kommission fördert hierbei gemeinsame technische Anforderungen für Erzeugung und Lastanschluss.[3]
Intelligente Stromnetze – Smart Grids
Im Aktionsplan ist von der Förderung intelligenter Stromnetze die Rede. Diese Smart Grids können Energieflüsse selbständig überwachen und sollen die Schwankungen im Stromnetz ausgleichen können. Teil des Konzepts Smart Grid stellen digitale Zähler beim Verbraucher dar. Sie informieren die Stromlieferanten über den aktuellen Strombedarf. Auch ermöglichen sie den Datenaustausch zwischen Übertragungsnetzbetreibern und Verteilernetzbetreibern für eine anpassungsfähige Energiebereitstellung. Die EU-Kommission unterstützt die Entwicklung der Smart Grids dabei durch das EU-Forschungsrahmenprogramm Horizont Europa und Initiativen wie dem BRIDGE Projekt. Um den Strom nutzen zu können, wenn er gebraucht wird, und um Belastungsspitzen abzubauen, ist die Energiespeicherung unerlässlich. Die Smart Grids können auch diesen Vorgang selbständig regeln. Hierfür werden insbesondere Pumpspeicherkraftwerke eingesetzt.[4]
Fazit
Das Stromnetz der EU muss anpassungsfähiger werden. Insbesondere die Nutzung klimafreundlicher Energiequellen erfordert eine größere Flexibilität, die bisher noch nicht vollständig gewährleistet kann. Um die Stromversorgung der Zukunft zu sichern, muss Europa in sein gemeinsames Energienetz investieren und es zu einem dezentraleren System ausbauen. Der Aktionsplan der EU stellt hierfür eine Reihe an Maßnahmen vor, die den Netzplanern eine bedarfsgerechtere und transparentere Planung, einen leichteren Zugang zu Finanzierungsmodellen, rechtliche Absicherung und schnelle Genehmigungsverfahren ermöglichen sollen. Ein zentrales Element des künftigen Netzausbaus stellt die Einführung intelligenter Stromnetze dar, die die Stromverteilung koordinieren und dem aktuellen Bedarf anpassen können. Auf diese Weise kann das europäische Stromnetz der Zukunft auch erneuerbare Energien effizient nutzen.
Quellen:
[1] Europäischer Rechnungshof, Analyse 01/2025: „Das Stromnetz der EU fit machen für Netto-Null-Emissionen„, Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union, 2025. https://www.eca.europa.eu/de/publications?ref=RV-2025-01 Abgerufen am 08.11.2025
[2] Mitteilung der Kommission an das europäische Parlament, den Rat, den europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen „Unsere Zukunft sichern – Europas Klimaziel für 2040 und Weg zur Klimaneutralität bis 2050 für eine nachhaltige, gerechte und wohlhabende Gesellschaft“, COM(2024) 63, EUR-Lex, Europäischer Wirtschafts- und Sozialausschuss, 2024 https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/ALL/?uri=CELEX:52024AE0418 Abgerufen am 08.11.2025
[3] Mitteilung der Kommission an das europäische Parlament, den Rat, den europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen „Stromnetze, das fehlende Bindeglied – Ein EU-Aktionsplan für Stromnetze“, COM/2023/757, EUR-Lex, 2023 https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=COM%3A2023%3A757%3AFIN&qid=1701167355682 Abgerufen am 08.11.2025
[4] Europäische Kommission, „Smart grids and meters“ https://energy.ec.europa.eu/topics/markets-and-consumers/smart-grids-and-meters_en?prefLang=de Abgerufen am 08.11.2025